Strategien für Bündner Tourismusorte

Die Bündner Tourismuswirtschaft steht vor grossen Herausforderungen. Die Annahme der Zweitwohnungsinitiative, die gleichzeitige dramatische Aufwertung des Schweizer Frankens und die allgemeine Skepsis der Bevölkerung gegenüber Grossprojekten (Olympische Winterspiele, Skigebietserweiterungen usw.) zwingen die Tourismuswirtschaft alternative Geschäftsfelder zu finden oder sich der neuen Realität anzupassen.

Vor dem Hintergrund des ungünstigen CHF/EUR-Wechselkurses, dem künftigen Verzicht auf den Bau von Zweitwohnungen und der Absage an olympische Spiele in Graubünden hat das Wirtschaftsforum Graubünden analysiert, welche strategischen Entwicklungsmöglichkeiten für den Bündner Tourismus künftig realistisch sind.

Die rückblickende Analyse hat gezeigt, dass Graubünden in den letzten zwei Jahrzehnten – wegen der Wechselkursentwicklung – insbesondere das ausländische Feriengeschäft weitgehend an die internationale Konkurrenz verloren hat. Für die Zukunft ist davon auszugehen, dass auf absehbare Zeit eine Wintersportnachfrage auf dem heutigen Niveau erhalten bleibt und im Sommer das Geschäft mit Gästen aus den Nahmärkten ein (begrenztes) Wachstumspotenzial bietet. Ein Wachstum im internationalen Sommergeschäft dürfte hingegen im aktuellen Wechselkursumfeld sehr schwierig bleiben.

Vor diesem Hintergrund wird der Bündner Tourismus gefordert sein, entweder seine Strukturen so anzupassen, dass er mit den internationalen Preisen mithalten kann (Kooperation, Vertikalisierung, grössere Strukturen) oder so herausragende Angebote zu schaffen, dass er sie zu einem überdurchschnittlichen Preis verkaufen kann. In beiden Fällen ist davon auszugehen, dass der Tourismus in Graubünden (bezüglich der Anzahl Anbieter) tendenziell schrumpfen wird. Dabei muss es aber das Ziel sein, dass die Zahl der gut strukturierten und leistungsstarken Anbieter zunimmt, während die anderen aus dem Markt verschwinden.

Aufgrund der Analyse der Geschäftsfelder und deren Potenziale sieht das Wirtschaftsforum Graubünden für die Bündner Tourismusorte folgende Strategieansätze:

  • Strategie A – Feriengeschäft zurückgewinnen durch internationale preisliche Wettbewerbsfähigkeit: Graubünden schafft es, seine Strukturen und Angebote dahingehend anzupassen, dass diese im internationalen Vergleich wieder preislich wettbewerbsfähig sind und gewinnt dadurch die im Wochenferiengeschäft insbesondere im Winter verlorenen Logiernächte zurück. Voraussetzung dafür ist, dass die Angebote gesamthaft günstiger werden und die Anbieter ihre Fähigkeiten zur Vermarktung von Gesamtangeboten aus einer Hand wesentlich stärken.
  • Strategie B – Kurzaufenthalts- und Reisegeschäft entwickeln durch herausragende Produkte und Anreiselogistik: Graubünden nutzt die Chancen, welche das weniger preissensitive und in Zukunft weiter wachsende Geschäft mit Kurzaufenthaltern und Reisenden bietet. Voraussetzung, dafür ist, dass Angebote (Produkte + Anreiselogistik) entwickelt werden, welche wesentliche, internationale Gästeströme anziehen können.
  • Strategie C – Attraktivität der Tourismusorte für Zweitwohner erhalten durch Sicherung der relevanten Infrastrukturen: Graubünden sichert den Erhalt der Attraktivität insbesondere auch der kleineren Tourismusorte für die Zweitwohnungseigentümer, ihre Familien und Freunde. Voraussetzung dafür ist, dass die relevanten touristischen Angebote in diesen Orten erhalten werden, auch wenn das einzelne Tourismusunternehmen nicht rentabel betrieben werden kann.

Die drei geschilderten Grundstrategien schliessen sich nicht aus und können auch in Kombination verfolgt werden. Es ist davon auszugehen, dass Tourismusorte mit einer starken Hotellerie primär auf Strategie A und B setzen werden. Für Tourismusorte mit einem hohen Zweitwohnungsanteil und wenig vermietbaren Kapazitäten in Hotellerie und Ferienwohnungen ist primär Strategie C naheliegend.